Religiöse Bildung

religiöse Bildung

Alltagsintegrierte religiöse Bildung

Als Alltagsintegrierte religiöse Bildung wird ein religionspädagogisches Konzept bezeichnet, in dem typische Situationen der alltäglichen Lebenspraxis von Kindern und Jugendlichen – Staunen, Freude, Streit, Vielfalt, Krankheit, Vergänglichkeit usw. – aufgegriffen und pädagogisch, aber eben auch theologisch reflektiert und bearbeitet werden.  Dieses religionspädagogische Bildungsformat hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in der Religionspädagogik der Elementarphase, also im Bereich von Kindertageseinrichtungen, entwickelt. Auch die Idee einer „Synthese von Glaube und Kultur“ der Vatikanischen Bildungskongregation kann als eine Konzeptionierung der Grundidee alltagsintegrierter religiöser Bildung verstanden werden. Denn die christliche Perspektive der Welterschließung ist eben nicht nur in komplexen Weltbildern zu eröffnen, sondern auch in alltäglichen Erfahrungen und Erlebnissen: Die Frage nach der Verantwortung für die Schöpfung kann natürlich an der Frage des globalen Klimawandels diskutiert werden, sie beginnt aber bereits mit der Frage, ob man Fliegen zerquetschen oder Schnecken zerschneiden darf.

Die religiöse Dimension von Wirklichkeit erschließen

Alltagsintegrierte religiöse Bildung eröffnet die Möglichkeit, anhand von Situationen, die jeder Mensch in seinem Verhältnis zu Mit- und Umwelt, aber auch zu sich selbst kennt, die religiöse Dimension von Wirklichkeit zu erschließen. Mit Blick auf die Vielfalt der Religionen und das interreligiöse Lernen bietet dieser Ansatz u.a. Zugangswege zu einem angemessenen Umgang mit religiöser Pluralität. So lässt sich z. B. die Beobachtung, dass jüdische oder muslimische Kinder in der Klasse bestimmte Süßigkeiten meiden, offen thematisieren. Solche Überschneidungssituationen, in denen sich Vertrautes mit Fremdem überlappt, führen häufig zu interkulturellen Missverständnissen, in denen das Sinnhafte der anderen Handlung nicht mehr erkannt wird und deshalb durch diese kognitive Dissonanz ein neuer Lernprozess eingeleitet werden kann. In diesem Fall könnten in einem theologisierenden Gespräch die unterschiedlichen Speisevorschriften in den verschiedenen Glaubenstraditionen vorgestellt, erklärt und miteinander verglichen werden. Am Schluss der Lernsequenz kann dann eine handlungsorientierte Aufgabe stehen, in der das erworbene Wissen im Zusammenhang mit den weiterentwickelten Kompetenzen in die Alltagspraxis zurückgeführt wird: So könnten Schülerinnen und Schüler ermutigt werden, eine Liste aufzustellen, welche Süßigkeiten bei Festen und Feiern in der Klasse für alle Kinder unabhängig von ihrer Religion und deren Speiseregeln genießbar sind.

Der vollständige Beitrag ist erschienen im Juni 2022 im Handbuch der Religionen:
Sajak, Clauß Peter: Alltagsintegrierte religiöse Bildung. 72. Ergänzungslieferung 2022. In: Michael Klöcker & Udo Tworuschka (Hg.): Handbuch der Religionen. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland und im deutschsprachigen Raum [Handbook of Religions. Churches and other Religious Communities in Germany and German-speaking Countries]. Loseblattwerk, Westarp Science Fachverlag, Hohenwarsleben 2022.

Schlagwörter
Religiöse Bildung, Alltag, interreligiöses Lernen, Elementarerziehung, Bildungstheorie

Über den Autor

Prof. Dr. Clauß Peter Sajak ist ein römisch-katholischer Theologe und Professor für Religionspädagogik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seine Forschungsschwerpunkte sind Fragen der Nachhaltigkeit religiöser Bildung, Kompetenzorientierung im Religionsunterricht und die Didaktik interreligiösen Lernens. Er ist besonders im christlich-islamischen Dialog engagiert.

Bhagwan HDR
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