Katholische Jugendbewegungen

Handbuch der Religionen, II. Christentum

Barbara Stambolis

Katholische Jugendbewegungen

Zusammenfassung

Die Anfänge katholischer Jugend „im Aufbruch“ fügen sich in lebensreformerische Initiativen, in zeittypische Kritik an ungesunden Lebensweisen, nicht zuletzt an Nikotin- und Alkoholkonsum ein. Überdies hatte sich seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ein katholisches Milieu mit zahlreichen Vereinen herausgebildet. Auch Jugendvereine gehörten zu den Vereinsgründungen. Sie entstanden aus sozialen und seelsorgerischen Impulsen heraus. Die Burg Rothenfels am Main wurde nach dem Ersten Weltkrieg zu einem spirituellen Mittelpunkt für katholische Jugendbewegte. Bereits hier zeigte sich ein Grundproblem katholischer Jugend: die Gehorsamspflicht gegenüber kirchlicher Autorität und eine recht enge Grenze freiheitlich selbstbestimmten Handelns. Die Forderung, religiöse Veranstaltungen zeitgemäß zu einem für Jugendliche ansprechenden Gemeinschaftserlebnis umzugestalten und dabei jugendbündische Elemente zu berücksichtigen, fand breiten Zuspruch in einer ganzen Reihe von Gruppierungen. In Ländern und Regionen des vormals habsburgisch/österreichischen Einflussbereiches entwickelten sich deutschsprachige katholische Jugendgruppierungen parallel zu ähnlichen in Deutschland und Österreich, andererseits aber mit spezifischen, stark von Nationalitätenfragen bestimmten Akzentsetzungen. Vor allem in Lebensrückblicken schilderten Angehörige katholischer Jugendgruppen ihren oft schwierigen Weg der Selbstbehauptung unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur. Nach 1945 erlebten konfessionelle Jugendgruppen zunächst einen breiten Zuspruch, wenngleich neuerlich Forderungen nach Autonomie und der kirchenamtliche Anspruch auf Einflussnahme und Kontrolle zu Konflikten beitrugen. In diversen Szenen, sub- und gegenkulturellen Milieus fanden seit den 1970er-Jahren Jugendliche Experimentierfelder in großer Breite, nicht zuletzt in einem sich stark ausweitenden „religiösen Feld“, zu dem vielfältige spirituelle Angebote jenseits traditionell konfessionell christlicher zu rechnen sind. Jugendliche und junge Erwachsene beteiligten sich zunehmend temporär und punktuell, ohne feste Milieubindungen an altersgruppenübergreifenden Initiativen und sozialen Bewegungen, die mit vielfältigen kreativen Formen symbolischen Handelns auf sich aufmerksam machten.

Lebensreformaktivitäten, Katholisches Milieu, geistige Erneuerung, Suche nach symbolischen Formen der Gemeinschaftsbildung, Autonomieforderungen, das Recht der Kirche auf Einfluss und Kontrolle, Selbstversicherung unter den Bedingungen nationalsozialistischer Herrschaft, Ausweitungen des „religiösen Feldes“, neue kreative Formen symbolischen Handelns

Catholic youth movements

Summary

The beginnings of Catholic youth „on the move” fit into life reform initiatives, into typical criticism of unhealthy lifestyles, not least of all about nicotine and alcohol consumption. Furthermore, a Catholic milieu with numerous associations had developed since the last third of the 19th century. Youth associations were founded. They emerged from social and pastoral impulses. After the First World War, Rothenfels Castle at the river Main became a spiritual center for young Catholics. A basic problem of Catholic youth was already evident here: the obligation to obey church authority and a rather narrow limit of free, self-determined action. The demand to transform religious events into an experience that was appealing to young people and the search for symbolic forms of community building found a broad response in a number of catholic youth groups. In countries and regions of the former Habsburg/Austrian sphere of influence, German-speaking Catholic youth groups developed in parallel to similar ones in Germany and Austria, but on the other hand with specific emphases strongly determined by nationality issues. Especially in retrospect, members of Catholic youth groups described their often difficult path of self-assertion under the conditions of the National Socialist dictatorship. After 1945, catholic youth groups were initially well received, although renewed demands for autonomy and the church’s right to influence and control contributed to conflicts. Youth work in the DDR showed that the Catholic milieu retained its social and religious significance here longer than in the Federal Republic. Since the 1970s, young people found experimental fields in a wide range in various scenes, sub- and counter-cultural milieus, not least in a strongly expanding „religious field”, to which diverse spiritual offerings beyond traditionally denominationally Christian can be counted. Adolescents and young adults increasingly participated temporarily and selectively, without fixed milieu ties, in cross-age initiatives and social movements that drew attention to themselves with a variety of creative forms of symbolic action.

Life reform initiatives, Catholic milieu, spiritual renewal, search for symbolic forms of community building, demands for autonomy, the church’s right to influence and control, self-assertion under the conditions of the National Socialist dictatorship, an expanding „religious field”, diverse spiritual offerings, new creative forms of symbolic action

69. Ergänzungslieferung / 2021 / Gliederungs-Nr.: II – 1.2.22

Newsletter abonnieren