Die faszinierende Welt des Jainismus: Eine Reise durch Zeit und Glauben

Ein Fenster in eine alte Welt

Der Jainismus ist mehr als eine Religion, er ist eine Philosophie der Gewaltlosigkeit und Selbstbeherrschung, die vor mehr als 2.500 Jahren im alten Indien entstand. Ähnlich wie der Buddhismus und der Hinduismus bietet der Jainismus eine einzigartige Perspektive auf das Leben und den Weg zur Befreiung. Doch im Gegensatz zu diesen Religionen bleibt der Jainismus für viele Menschen im Westen ein Mysterium.

Einführung in die jainistische Lehre

Im Zentrum der jainistischen Philosophie steht die Lehre von der Unsterblichkeit aller Seelen, die dem ewigen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt unterworfen sind. Diese ewige Reise der Seele wird vom Karma bestimmt, einer subtilen Materie, die von den Taten eines Individuums angezogen wird und seine zukünftigen Leben beeinflusst. Die Seele selbst ist rein und gleich, aber ihre Inkarnation in verschiedenen Körpern, die durch die Anzahl ihrer Sinne kategorisiert werden, schafft Ungleichheit unter den Lebewesen.

Die Säulen der jainistischen Praxis: Enthaltsamkeit und Gewaltlosigkeit

Die jainistische Ethik ist geprägt von Enthaltsamkeit und Gewaltlosigkeit (Ahimsa). Diese Prinzipien sind für Mönche und Nonnen verbindlich und gelten in abgeschwächter Form auch für Laienanhänger. Die Laien sind an fünf „kleine Gelübde“ gebunden: Gewaltlosigkeit, Ehrlichkeit, Nicht-Stehlen, Enthaltsamkeit und Besitzlosigkeit. Diese Gebote sind die Grundpfeiler eines Lebens, das auf die Vermeidung und den Abbau von Karma ausgerichtet ist. Die Mönche und Nonnen halten sich an strengere „große Gelübde“ und leben in absoluter Besitzlosigkeit, die bei den Digambaras bis zum Nacktgehen reicht.

Die Gemeinschaft und ihre Praxis

Die jainistische Gemeinschaft besteht aus Mönchen, Nonnen sowie männlichen und weiblichen Laienanhängern. Diese Struktur ermöglicht es jedem, unabhängig von seinem Weg, einen Beitrag zum kollektiven spirituellen Ziel zu leisten. Während sich die Mönche und Nonnen der Weltentsagung und strenger Askese widmen, sind die Laien zur Mehrung des Wohlstandes zum Wohle der Gemeinschaft angehalten, was jedoch nicht im Widerspruch zu den Prinzipien der Bescheidenheit und Gewaltlosigkeit stehen darf.

Der Weg zur Erlösung

Der jainistische Erlösungsweg ist ein tiefgründiger Prozess, der in vierzehn Stufen der Reinigung und Selbstverwirklichung (Gunasthanas) unterteilt ist. Er beginnt mit einem Zustand der Täuschung und endet mit der Allwissenheit und Vollendung. Nicht jede Seele erreicht diese letzte Stufe, denn der Weg dorthin führt über die Beseitigung und Neutralisierung von Karma, was wiederum durch asketische Praktiken und die Befolgung der jainistischen Lehre erreicht wird.

Jina und Jinalegende: Spiegelbild des spirituellen Ideals

Die jainistische Tradition verneigt sich vor den vierundzwanzig Jinas, historischen Figuren, die den Weg der Selbstbefreiung erfolgreich beschritten haben. Die Lebensgeschichte des Mahavira, des letzten Jinas, dient als Beispiel und Inspiration für die Gläubigen. Sie zeigt auf, dass Erlösung durch strenge Askese, moralische Integrität und die Überwindung weltlicher Bindungen erreichbar ist.

Jainismus im Westen: Eine stille Präsenz

Der Jainismus war lange Zeit vor allem auf den indischen Subkontinent beschränkt. Im Vergleich zur weltweiten Verbreitung des Buddhismus fand der Jainismus erst spät seinen Weg in den Westen. Erst im 20. Jahrhundert begannen jainistische Gemeinschaften außerhalb Indiens Fuß zu fassen, vor allem in Großbritannien und Nordamerika. Dies ist vor allem auf die Migrationsbewegungen der 1950er Jahre zurückzuführen, die eine Diaspora schufen und den Jainismus internationalisierten.

Heute ist der Jainismus in der westlichen Welt vor allem durch die Diaspora-Gemeinden präsent. Jainistische Zentren und Tempel dienen als kulturelle und religiöse Treffpunkte, doch außerhalb dieser Gemeinschaften sind praktizierende westliche Jainas selten anzutreffen. Initiativen wie das Jaina-Online-Portal HereNow4U und verschiedene Publikationen tragen dazu bei, Wissen und Verständnis über den Jainismus zu verbreiten.

Obwohl der Jainismus im Westen keine große Anhängerschaft hat, spielt er dennoch eine wichtige Rolle für diejenigen, die sich für seine reiche Geschichte, Philosophie und Praxis interessieren. Er bietet eine alternative Sicht von Ethik, Gewaltlosigkeit und Spiritualität. Der Jainismus mag im Westen eine stille Präsenz haben, aber seine Botschaften und Lehren finden in einer Welt, die nach friedlichen Lösungen und nachhaltigem Leben sucht, immer mehr Beachtung.

Fazit: Ein Weg der inneren Transformation

Der Jainismus bietet einen Weg tiefer innerer Transformation und spirituellen Fortschritts. Durch die Praxis von Gewaltlosigkeit, Selbstbeherrschung und Reinheit der Gedanken und Taten können die Anhänger ihre Seele von karmischen Bindungen befreien und so den Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt durchbrechen. Es ist eine Einladung zu einem Leben in Achtsamkeit und Mitgefühl, nicht nur für sich selbst, sondern für alle Wesen.

Der vollständige Beitrag ist erschienen im Handbuch der Religionen:

Krüger, Patrick Felix: Jainismus. 68. Ergänzungslieferung 2021. In: Michael Klöcker, Udo Tworuschka & Martin Rötting (Hg.): Handbuch der Religionen. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland und im deutschsprachigen Raum [Handbook of Religions. Churches and other Religious Communities in Germany and German-speaking Countries]. Westarp Science Fachverlag, Hohenwarsleben 2024.

Schlagwörter:

Jainismus, Südasiatische Religionen, Indien, Askese, Gewaltlosigkeit

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