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Von Monstern und Heiligen: Behinderung im Spiegel der Religionen

Die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderungen hat im Laufe der Menschheitsgeschichte einen tiefgreifenden Wandel erfahren, der eng mit religiösen und kulturellen Weltbildern verknüpft ist. Der Artikel „Von Monstern und Heiligen“ von Sebastian Barsch, erschienen im Handbuch der Religionen, öffnet uns die Augen dafür, wie unterschiedlich die verschiedenen Glaubensrichtungen Behinderung interpretiert haben und bietet einen faszinierenden Einblick in das, was diese Einstellungen über unser Menschsein aussagen.

Die Evolution der Wahrnehmung

Die Art und Weise, wie Behinderung im Laufe der Zeit verstanden wurde, spiegelt einen tiefgreifenden Wandel in der menschlichen Perspektive wider. Von der Antike, in der Behinderungen oft als göttliche Strafe oder als Zeichen der Gunst interpretiert wurden, bis zur modernen Auffassung, die Behinderungen im Kontext des bio-psycho-sozialen Modells betrachtet, ist eine deutliche Verschiebung zu beobachten. Diese Entwicklung hin zu einem umfassenderen Verständnis von Behinderung, das sowohl die physische als auch die soziale und psychologische Dimension umfasst, stellt einen Fortschritt im kollektiven menschlichen Bewusstsein dar.

Behinderung im Spiegel der Religionen

Der Artikel von Sebastian Barsch beleuchtet die komplexe Beziehung zwischen Behinderung und Religion und zeigt, wie tief verwurzelte Überzeugungen die Einstellungen und Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderungen prägen können. Vom Judentum und Christentum über den Islam bis hin zu fernöstlichen Religionen wie Hinduismus und Buddhismus bietet jede Glaubensrichtung einzigartige Perspektiven und Interpretationen, die sowohl historisch als auch aktuell relevant sind.

Judentum: Die Suche nach Gleichgewicht

Im Judentum wird Behinderung in den Schriften sowohl direkt als auch indirekt thematisiert. Der Tanach, die hebräische Bibel, betont den positiven Umgang mit sozial schwachen und hilfsbedürftigen Menschen, spezifische Anweisungen zum Umgang mit behinderten Menschen sind eher selten. Interessanterweise betont die Tora den respektvollen Umgang mit Blinden und Tauben und unterstreicht damit die Bedeutung von Fürsorge und Gleichberechtigung in der Gemeinschaft.

Christentum: Zwischen Heilung und Hexenhammer

Das Christentum weist ein komplexes Verhältnis zu Behinderung auf, das sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Im Mittelalter wurden Behinderungen oft als Strafe Gottes oder als Ergebnis dämonischer Einflüsse angesehen, eine Sichtweise, die durch die Schriften des Thomas von Aquin und die berüchtigte Hexenbulle „Summis desiderantes“ geprägt wurde. Das Neue Testament bietet jedoch eine differenziertere Perspektive mit den Wunderheilungen Jesu, die als Befreiung von individueller Schuld interpretiert werden können.

Islam: Eine Prüfung des Glaubens

Im Islam wird Behinderung nicht als Strafe, sondern als Prüfung oder als Teil des menschlichen Daseins betrachtet. Koranverse betonen, dass von Menschen mit Behinderungen erwartet wird, dass sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um Gott zu dienen. Diese Sichtweise fördert ein Verständnis von Behinderung, das Mitgefühl und Inklusion in den Vordergrund stellt.

Fernöstliche Religionen: Karma und Wiedergeburt

In fernöstlichen Religionen wie dem Hinduismus und dem Buddhismus ist der Umgang mit Behinderung häufig von Vorstellungen über Karma und Wiedergeburt geprägt. Diese Konzepte führen zu einem ambivalenten Verhältnis zu Behinderung, das sowohl Ausgrenzung als auch tiefes Mitgefühl und Fürsorge umfassen kann.

Eine sich wandelnde Welt

Die Art und Weise, wie Gesellschaften Behinderung wahrnehmen und auf sie reagieren, spiegelt ihre tiefsten Werte und Überzeugungen wider. Der Artikel von Barsch lädt uns ein, über unsere eigenen Vorstellungen von Behinderung nachzudenken und zu erkennen, wie ein tieferes Verständnis und Respekt für alle Menschen – unabhängig von ihren körperlichen oder geistigen Fähigkeiten – uns einander näherbringen kann.

Ein universelles Thema: Menschlichkeit und Empathie

Die Betrachtung von Behinderung durch die Brille der Religionen offenbart nicht nur die Unterschiede im Verständnis und im Umgang mit Behinderung, sondern auch die gemeinsame menschliche Erfahrung von Leid, Mitgefühl und Sinnsuche. Es wird deutlich, dass unabhängig von der Religionszugehörigkeit der Ruf nach einer inklusiveren und empathischeren Gesellschaft universell ist.

In einer Zeit, in der sich die Welt mehr denn je nach Verständnis und Einheit sehnt, erinnern uns diese Einblicke daran, dass unsere Reaktion auf Behinderung – sei es in Form von Unterstützung, Pflege oder einfach dem Streben nach einem tieferen Verständnis – ein Spiegelbild unserer gemeinsamen Menschlichkeit ist.

Der vollständige Beitrag ist erschienen im Handbuch der Religionen:

Barsch, Sebastian: Von Monstern und Heiligen: Menschen mit Behinderungen im Spiegel religiöser Weltanschauungen (ein Überblick). 31. Ergänzungslieferung 2012. In: Michael Klöcker, Udo Tworuschka & Martin Rötting (Hg.): Handbuch der Religionen. Kirchen und andere Glaubensgemeinschaften in Deutschland und im deutschsprachigen Raum [Handbook of Religions. Churches and other Religious Communities in Germany and German-speaking Countries]. Westarp Science Fachverlag, Hohenwarsleben 2024.

Schlagwörter:

Menschen mit Behinderungen, Religion, Stigmatisierung, Ausgrenzung, Toleranz, Verständnis

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