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50 Jahre Religionsforschung und -vermittlung

Handbuch der Religionen, I. Grundlegende Artikel

Udo Tworuschka

50 Jahre Religionsforschung und -vermittlung

Textauszug

Angeregt zu diesem Beitrag haben mich die religionspädagogisch-autobiografischen Forschungen von Horst F. Rupp, in dessen fünftem Band Vorarbeiten dieses Aufsatzes erschienen sind.

Geboren wurde ich am 12. Februar 1949 im niedersächsischen Städtchen Seesen am Harz. Meine Heimatstadt hat etwas länger gebraucht, um ihr großes jüdisches Erbe so richtig wahrzunehmen und wertzuschätzen: Hier fand nämlich der erste reformierte jüdische Gottesdienst in der 1810 von Rabbiner Israel Jacobson gegründeten Synagoge statt. Ich habe das Gebäude leider nie sehen können, da es in der Reichspogromnacht von 1938 in Schutt und Asche gelegt und nie wieder aufgebaut wurde. In Seesen wurde der in die USA ausgewanderte Flügel- und Klavierbauer Henry E. Steinway (1797–1871) geboren, der in Seesen noch Steinweg hieß. Wilhelm Busch (1832–1908) verbrachte seine letzten zehn Lebensjahre in Mechtshausen/Seesen. Und schließlich stammte aus Seesen der Altphilologe und Pädagoge Hermann Menge (1841–1939), Verfasser der Menge-Bibel.

Seit 1952 lebte ich als evangelischer Christ in Düren inmitten einer dominant rheinisch-katholischen Umwelt. Die Kluft zwischen den Konfessionen war in meiner Kindheit und Jugend noch sehr tief. Religion gehörte nicht zu den „großen Themen“ in meiner Familie. Aus Protest gegen die Bekenntnisschulen verließ mein aus Oberschlesien stammender Vater 1958 die katholische Kirche und wurde evangelisch. An Schwester Cäcilie und Tante Leni im katholischen Kindergarten erinnere ich mich, wenngleich undeutlich, mit einem guten Gefühl.

Oft besuchte ich meine Großeltern in Seesen. Nach dem Krieg übernahm meine Oma als Friedhofsgärtnerin bis in die 1960er-Jahre die gärtnerische Pflege des jüdischen Friedhofes, die angesichts dessen bedauernswerten Zustandes her ein Notbehelf war. Jedes Jahr kam Herr (Henry?) Nussbaum aus den USA, um sich einen Eindruck von der Pflege zu verschaffen. Ich habe meiner Großmutter öfter bei der Grabpflege geholfen. Immer wieder war ich fasziniert von dem zu verfallen drohenden Friedhof mit den für mich seltsamen Grabsteininschriften. Geweckt wurde jedenfalls dadurch mein Interesse an jüdischer Religion.

79. Ergänzungslieferung / 2024 / Gliederungs-Nr.: I – 5.7.4

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