Psychische Krankheiten

psychische Krankheiten unterscheiden

Psychische Krankheiten als Trend: Der Unterschied zwischen Persönlichkeitsstil und Persönlichkeitsstörung

So nützlich und schön soziale Medien auch sein können, wenn es darum geht, mit anderen in Kontakt zu bleiben, mehr voneinander zu erfahren und sich selbst besser ausdrücken zu können, die häufige Nutzung sozialer Plattformen kann auch viele negative Effekte hervorrufen. Gerade im Bereich der Trends und der Denkweisen, die momentan als besonders beliebt angesehen werden, lassen sich sehr gefährliche Entwicklungen beobachten. Ein großes Problem ist z.B. die häufige, durch Falschinformationen und Trends fehlgeleitete Selbstdiagnose von mentalen Krankheiten und Störungen. Anstatt dass sich Teenager von professionellen Psycholog:innen diagnostizieren lassen, vertrauen sie auf versimpelte oder schlicht falsche Aussagen und Inhalte, die sie in den sozialen Medien finden und projizieren diese auf sich selbst. Je mehr junge Erwachsene sich dann öffentlich zu ihren vermeintlichen mentalen Krankheiten und Störungen äußern, desto mehr werden diese zu etwas Begehrenswertem in den Augen von Teenagern. Dies hängt vermutlich mit dem Wunsch zusammen, gleichzeitig dem Trend entsprechen zu wollen und einzigartig zu sein, aber auch mehr Aufmerksamkeit zu erhalten, besonders wenn das Gefühl besteht, das eigene Innenleben wird von den Mitmenschen nicht ernst genommen.

Während psychische Erkrankungen, wie etwa Depression, durchaus immer häufiger bei jungen Menschen festgestellt werden können (wobei es Hinweise gibt, dass diese durch die Nutzung sozialer Medien verursacht oder begünstigt werden), stellt die „Mainstreamisierung“ und Fehldiagnose von mentalen Krankheiten und Störungen ein gefährliches, parallellaufendes Phänomen dar, welches von den tatsächlich betroffenen Menschen ablenkt und zudem falsche Vorstellungen über Syndrome und Störungen teilt. Ein Grund für die verbreitete Fehldiagnose liegt vermutlich in der undurchsichtigen Unterscheidung zwischen „normalen“ Persönlichkeitsmustern bzw. Charakterzügen und tatsächlichen Störungen. Da in Inhalten sozialer Medien meistens nicht oder nicht ausreichend auf diese Unterscheidung eingegangen wird, soll dies hier etwas genauer vorgenommen werden.

Das Problem der Selbstdiagnose

Gewissenhaft oder zwanghaft, aggressiv oder sadistisch, selbstbewusst oder narzisstisch? Die Unterscheidung zwischen Persönlichkeitsstil und Persönlichkeitsstörung ist auf den ersten Blick nicht immer eindeutig. Eine Diagnose durchführen zu können braucht Erfahrung, sonst kann sie ganz schnell falsch ausgehen. Gerade deshalb sollten Sie sich besser an einen Experten, das heißt eine:n ausgebildete:n Psychotherapeut:in wenden, wenn Sie die Vermutung haben, Sie oder eine bekannte Person könnte an einer Persönlichkeitsstörung oder sogar an einem Syndrom leiden. Charakterstile, Störungen und symptomatische Syndrome können zwar klar miteinander zusammenhängen, aber sie stehen jeweils für etwas anderes und sollten nicht leichtfertig verwechselt werden.

Bei dem Persönlichkeitsstil handelt es sich um das einzigartige Arrangement der eigenen Eigenschaften, Gedanken, Gefühle, Einstellungen, Verhaltensweisen und Stressbewältigungsmechanismen. Daraus lässt sich z.B. durch Persönlichkeitstests eine Haupttendenz oder ein Hauptstil herleiten, wie etwa der sensible oder lässige Stil nach dem System des renommierten Psychiaters John M. Oldham. Diese Zuordnung ist noch ganz „normal“, jedem Menschen lässt sich ein Hauptstil zuordnen. Problematisch werden diese Tendenzen nur, wenn sie sich zu einer Störung entwickeln. Persönlichkeitsstörungen sind langfristige Muster eines unflexiblen und schlecht angepassten Verhaltens, so etwas wie die ungesunde Übertreibung eines Stils, die sich von der Adoleszenz an zeigen. Dazu zählen z.B. Paranoia, Narzissmus und Zwangsstörungen. Diese Störungen wiederum können, aber müssen nicht zu klinischen Symptom-Syndromen führen bzw. jemanden dafür anfälliger machen. Darunter werden akute, quälende symptomatische Zustände verstanden, wie etwa Depression, Schizophrenie, Essstörungen, sexuelle Störungen und Angststörungen. Oft besitzen diese eine starke biologische Komponente und können medikamentös behandelt werden. Persönlichkeitsstörungen dagegen bleiben ohne Behandlung ein Leben lang bestehen und entwickeln sich, wie der Name schon andeutet, aus der Persönlichkeit heraus. Außerdem sind solche Störungen nur sehr schwer für die betroffene Person selbst erkennbar.

Für eine erste Einschätzung, ob Ihr eigener oder der Persönlichkeitsstil eines Mitmenschen gestört ist, können Ihnen die Begutachtung des Verhaltens, der Lebenserfahrungen und des Frustrationsniveaus helfen. Dabei sollte besonderes Augenmerk auf die Flexibilität, Vielfältigkeit, Anpassungsfähigkeit und Stressbewältigung des Menschen gelegt werden. Allerdings ist der Unterschied zwischen gesundem Charakterstil und Störungen, wie gezeigt, von außen nur sehr schwer eindeutig zu bestimmen, weshalb Sie Ihre Einschätzung in jedem Fall professionell gegenprüfen lassen sollten. Die Diagnose einer lebenseinschränkenden, qualvollen Störung ist keinesfalls etwas Beneidenswertes. Aus diesem Grund sollte mit vorschnellen Selbstdiagnosen auf Basis von möglicherweise versimpelten oder fälschlichen Aussagen vorsichtig umgegangen werden. Gleichzeitig lohnt es sich, bei einer starken Vermutung dieser nachzugehen und mögliche mentale Krankheiten und Störungen nicht unbehandelt zu lassen.

Wenn Sie mehr über die Unterschiede zwischen Persönlichkeitsstilen und Persönlichkeitsstörungen erfahren und Ihren eigenen Stil herausfinden möchten, empfehlen wir Ihnen das Buch „Ihr Persönlichkeits-Portrait: Warum Sie genau so denken, lieben und sich verhalten, wie Sie es tun“ des Psychiaters John M. Oldham.

Persönlichkeittyp
Ihr Persönlichkeits-Portrait: Warum Sie genau so denken, lieben und sich verhalten, wie Sie es tun
Seit Jahren gibt es eine von Psychiatern und Psychologen in der ganzen Welt akzeptierte Klassifikation zur Persönlichkeitspsychologie (DSM-III-R). Sie gibt Anhaltspunkte bei der Diagnose von schweren Persönlichkeitsstörungen. Aber auch die Persönlichkeitsstile gesunder Menschen setzen sich aus diesen Grundkomponenten zusammen. Nun haben sich Wissenschaftler, die diese Klassifikation mit erarbeitet haben, darangemacht, das faszinierende Material für den interessierten Laien aufzubereiten, und damit ermöglicht, dass wir unseren eigenen Persönlichkeitsstil testen und erfassen können. Er ist, so individuell wie unser Fingerabdruck, dafür verantwortlich, welche Beziehung wir zu unserem Partner, unserer Partnerin, zu unserem Chef und unseren Kindern haben, welche Arbeit uns liegt, wie wir Konflikte lösen und vieles mehr. Wir verstehen uns selber besser und lernen auch, die Persönlichkeitsstile anderer Menschen zu erkennen und mit ihnen umzugehen.
Persönlichtsportrait oldham
Dr. John Oldham
Dr. John Oldham ist Professor und stellvertretender Leiter des Menninger Department of Psychiatry and Behavioral Science am Baylor College of Medicine in Houston, Texas. Er ist ein führender Experte für Persönlichkeitsstörungen.

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